Die Uhr des Herrn Dutz

Es war im Schuljahr 71/72. Meine damalige Schulklasse, die 9b, hatte Physik bei OStR Dutz. Wieder einmal galt es, einen physikalischen Vorgang hinsichtlich seiner zeitlichen Dauer zu bestimmen. Also nahm OStR Dutz seine elegante silberne und - wie er selbst scherzhaft prahlend, doch mit gewissen Stolz hinzufügte - teuere und noch fast neuwertige DUGENA-Armbanduhr vom Handgelenk und wollte mit der Versuchsdurchführung beginnen. Da stellte er zu seinem Leidwesen fest, dass die Uhr wohl defekt war. Stehengeblieben! - Und das, seinen eigenen Worten nach, bereits zum wiederholten Male.


Offensichtlich verärgert über diesen Mangel an deutscher Wertarbeit, fragte OStR Dutz nach einem funktionstüchtigen Ersatz. Zögernd meldete ich mich und bot ihm meine Armbanduhr an. Ich hatte sie für wenig Geld einige Tage zuvor bei "Quelle" erstanden. Sie war schwarz, besaß nur ein einfaches mechanisches Laufwerk zum Aufziehen, machte aber - mit drehbarem Taucherring und Leuchtziffern versehen - optisch Einiges her. OStR Dutz nahm die Uhr und begutachtete sie. Auch er schien vom sportlich-dynamischen Aussehen meiner Uhr beeindruckt zu sein. Nachdem der physikalische Versuch abgeschlossen war, meinte OStR Dutz: "Wissen Sie was, Utzt? Ich geb' Ihnen meine kaputte Uhr. Es ist noch Garantie drauf. Und ich behalte Ihre." Eine billige Uhr, die funktioniert, sei ihm lieber als eine teuere, die ständig defekt ist, fügte er noch hinzu. Ich überlegte nicht lange und ging auf das Tauschangebot ein. Jeder von uns beiden war überzeugt, aus diesem Handel einen Vorteil für sich gezogen zu haben.

Ich brachte die Uhr samt Garantieschein zum Uhrmacher. Sie wurde kostenlos instand gesetzt und funktionierte fortan prächtig. Meine Freude war groß. Wenn ich mich recht erinnere, trug ich sie bis zum Abitur. Das "dicke Ende" aber kam einige Wochen später, zumindest für OStR Dutz. Wieder hatten wir Physik bei ihm und wieder wurde eine Uhr als Zeitmesser gebraucht. Er nahm "meine" schwarze Taucheruhr vom Handgelenk und stutzte. Die Zeiger standen still. Er drehte an der Krone und versuchte, das Uhrwerk aufzuziehen: Vergebens! Ich erinnere mich noch genau daran, dass man das Knirschen und Krachen der Zahnrädchen im Laufwerk bis in die ersten Schülerreihen des Physiksaals hören konnte. Meine schöne Taucheruhr war soeben in den "Uhrenhimmel" eingegangen. Natürlich konnte ich auch diesmal eine brauchbare Ersatzuhr bieten. "Seine" wertvolle DUGENA-Automatik-Uhr!

Sooft in darauffolgenden Unterrichtsstunden eine Uhr benötigt wurde, musste ich sie ihm borgen und sie leistete stets gute Dienste. Der Standard-Satz von OStR Dutz lautete dann immer: "Utzt, Sie haben wenigstens eine gescheite Uhr!"

(Reiner Utzt, Abiturjahrgang 76)




125 Jahre Max-Reger-Gymnasium Amberg (MRG)