Weibliche Handarbeit

Gewerbeoberlehrerin Gertrud Gardyan, von uns liebevoll das "Kästchen" genannt, war eine stramme Person mit einem runden Gesicht und zu einem Knoten gekämmten, leicht ergrautem, drahtigen Haaren. Ihr oblag der Handarbeitsunterricht an der Schule. Zu demselben erschien sie wie aus dem Ei gepellt. Durch ihre Goldrandbrille blickend, entging ihr kein Fehler. Glanzstücke unserer Arbeit waren: eine gestrickte Unterhose, eine Schwesterschürze und das Säuglingshemdchen, das nur mit Handnähten gefertigt werden durfte, da Maschinennähte, wie sie behauptete, der zarten Säuglingshaut nicht zuträglich wären. Beim Nähen mit der Maschine gab sie den Takt vor. "Und - treten, treten, treten!"


Sehr am Herzen lag ihr der perfekte Flicken, der aufgesetzte, der eingesetzte, der eingezogene und der Trikot- und Flanellflicken, und besonders die Stopfe, die Leinen-und Körperstopfe. Wir mussten gerade, schräge und gewinkelte Risse und diverse Löcher in ein Stück Stramin schneiden und sie nachher fachgerecht wieder schließen. Noch höre ich ihre Stimme: "Wir stopfen fadengerade und mustergerecht." Großen Wert legte sie bei der Nadelrückführung auf das Einhalten von Fadenschlingen, deren Notwendigkeit ich bis heute nicht eingesehen habe. Allem Anschein nach sollte ein Spielraum gelassen werden, um dem Einlaufen beim Waschen vorzubeugen.

Das Säuglingshemdchen besitze ich heute noch. Es wurde zum wichtigsten Kleidungsstück des Teddybären meiner einst kleinen Tochter.

(I. Hölzl, geb. Pröll, Abitur 54)




125 Jahre Max-Reger-Gymnasium Amberg (MRG)